Jeder medizinische Entscheid trägt Chancen- und Risiken in sich
Folgender Text soll zeigen, dass wir Aerzte immer aufgefordert sind Nutzen und Gefahren abzuwägen. Wir können nie immer alles richtig machen.
Dazu gehört auch beim Patienten ein reifes Verständnis statt schnelle, heftige Emotionen.
Medizinisches Kabinett Von Martina Frei, Tagesanzeiger 2017-09-09 Sa
Von einem Darm zum andern
Seit zwanzig Jahren spendete das Ehepaar regelmässig Blut, zuletzt im Januar. Dabei wurde jeweils ihr Blut getestet, um sicherzugehen, dass damit keine gefährlichen Krankheiten übertragen werden. Auch diesmal waren ihre Leberwerte normal, und weder die 54-Jährige noch ihr 55-jähriger Ehemann hatten Hepatitis-Viren im Blut. Anfang März, bei einer anderen Laborkontrolle, waren die Leberwerte ebenfalls noch in Ordnung. Das änderte sich im Juni, als beide mit gelb verfärbten Augen, Übelkeit und Bauchschmerzen beim Arzt vorstellig wurden. Die Diagnose: Leberentzündung aufgrund einer Infektion mit Hepatitis-C-Viren.
Diese Viren werden meist durch infektiöses Blut übertragen. Der zeitgleiche Ausbruch bei dem Ehepaar rief Gesundheitsfachleute auf den Plan. Sie rekonstruierten den Hergang. Sowohl in der Familie der Ehefrau als auch in der des Mannes gab es Verwandte mit Dickdarmkrebs. Deshalb hatte sich das Paar am 16. März vorsorglich den Darm spiegeln lassen. An jenem Tag kamen nacheinander drei Patienten an die Reihe. Zuerst eine 42-jährige Frau, eine halbe Stunde später die Ehefrau, danach ihr Ehemann. Das Endoskop für die Untersuchungen war immer dasselbe. Zwischen den Patienten wurde es gründlich gereinigt und desinfiziert - aber nicht gründlich genug, wie die Untersuchung ergab.
Denn die Hepatitis-Viren, die bei der ersten Patientin schon länger im Blut zirkulierten, glichen in höchstem Grad jenen, mit denen sich das Ehepaar angesteckt hatte. Das zeigte die Analyse des Erbguts der Erreger. Denn dieses Ehepaar, das sich anno 1995 infizierte, war kein Einzelfall. Über 500-mal wurden bei Magen- oder Darmspiegelungen oder damit verbundenen Eingriffen schon Krankheitserreger verschleppt. Angesichts der vielen Endoskopien ist das wenig. Einer Schätzung zufolge kommt es pro 1,8 Millionen Endoskopien einmal zur Übertragung von Erregern. Allerdings, schränkt der Autor eines Fachartikels ein, könnte die wahre Übertragungsrate höher sein.
Salmonellen, Fadenwürmer, schlimme Pilzinfektionen und andere üble Krankheitserreger erreichten via Endoskop schon neue Opfer. Diese bekamen Durchfall, schwere Speiseröhrenentzündungen oder auch Blutvergiftungen, und manche starben. Auch durch Lungenspiegelungen, sogenannte Bronchoskopien, wurden schon Patienten infiziert, unter anderem mit Tuberkulose.
Manchmal fehlte die Sorgfalt beim Reinigen, andere Male waren Materialschäden oder falsches Design schuld daran, dass Erreger im Innern des Endoskops Rückzugsorte fanden. Immerhin waren mehr als 91 Prozent der Infektionen über diese Medizingeräte jedoch vermeidbar mit verbesserter Qualitätskontrolle, bilanzierte ein Fachartikel im April 2013.
Doch kurz darauf schreckte ein Spital im US-Bundesstaat Illinois die Fachwelt auf. Im März 2013 fanden Ärzte dort bei einem Patienten multiresistente Coli-Bakterien - bedrohliche Keime, weil ihnen mit Antibiotika kaum noch beizukommen ist.
Über das Endoskop, mit dem dieser Patient untersucht worden war, steckten sich mindestens 28 weitere Kranke an. Zwei von ihnen wurden mit zwei anderen Geräten erneut endoskopiert - die danach ebenfalls kontaminiert waren und über die sich mindestens sieben neue Patienten ansteckten, obwohl die Endoskope korrekt gereinigt und desinfiziert worden waren.
Von 156 Kranken, die im Frühsommer 2013 mit einem der drei Geräte untersucht worden waren und nun kontaktiert wurden, erschienen jedoch nur 89 zum Test. Deshalb weiss niemand, wie viele Patienten letztlich angesteckt wurden.



